Wettbewerbsanalyse vor dem Unternehmenskauf — ein Leitfaden

Veröffentlicht am
26.11.2025
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Autor
Thomas Passeyrer
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Wettbewerbsanalyse vor dem Unternehmenskauf - ein Leitfaden

Bei jedem Kaufprozess wird die Wettbewerbsanalyse direkt in die Commercial Due Diligence einbezogen. Das ist ein Realitätscheck für Geschäftsmodell, Marktgröße und Markteintrittsbarrieren. Welches Label Du draufklebst, ist zweitrangig – entscheidend ist, dass Du Antworten auf drei Fragen bekommst:

  • Wie umkämpft ist der Markt wirklich,
  • wie unterscheiden sich die relevanten Wettbewerber und
  • was heißt das für Preis, Verhandlung und Integration?

Die Wettbewerbsanalyse dient dabei als Grundlage für strategische Entscheidungen und verschafft einen umfassenden Überblick über die Wettbewerbssituation.

Was passiert, wenn man drauf verzichtet oder sie nur halbherzig macht? Typische Folgen sind Überzahlung (weil vermeintliche „Unique Features“ am Markt Standard sind), Synergien, die auf PowerPoint toll aussehen, aber am Preiskampf scheitern, und unterschätzter Preisdruck durch aggressive Nischenplayer oder internationale Anbieter. PwC Deals-Analysen und M&A-Reports zeigen regelmäßig: Die meisten Value-Gaps nach Closing kommen nicht von „Bad Numbers“ in der Financial DD, sondern von falschen Annahmen in der Commercial DD – also Markt, Wettbewerb, Kundennutzen.

Eine Wettbewerbsanalyse verfolgt klare Ziele, wie die Bewertung des Status quo und die Ableitung gezielter Maßnahmen zur Optimierung der Marktposition.

Der DACH-Kontext ist speziell: starker Mittelstand, oft eigentümergeführt mit regionalen Bindungen, Intransparenzen im Reporting, und eine Regulatorik, die in manchen Branchen (z. B. Medizintechnik, Bau, Energie, Food) den Wettbewerb mehr prägt als die Produktfeatures. KfW-Studien beschreiben seit Jahren diesen Mittelstandsfokus; Saxenhammer, Dealsuite und andere Marktbeobachter belegen die hohe Relevanz von Nischenführern und Hidden Champions. Eine gute Wettbewerbsanalyse wirkt hier doppelt: Sie schärft Deinen Preisrahmen, stärkt Deine Verhandlungsstory (Belege statt Behauptungen) und gibt Deiner Post-Merger-Integration einen Plan, wie Du Marktanteile wirklich gewinnst.

Die kontinuierliche Marktbeobachtung ist dabei essenziell, um frühzeitig auf Marktveränderungen reagieren und die eigene Strategie anpassen zu können.

Schritte einer systematischen Wettbewerbsanalyse

Ich arbeite mit einem einfachen Workflow, der in jede Deal-Timeline passt:

  1. Marktabgrenzung
  2. Wettbewerber identifizieren
  3. Daten beschaffen
  4. Profilieren und vergleichen
  5. Zukunftsszenarien.

Diese einzelnen Schritte bilden eine strukturierte Methode, um systematisch die relevanten Markt- und Wettbewerbsfaktoren zu erfassen und auszuwerten. In kleinen Teams dauert der Quick-Scan 10–15 Arbeitstage, die Tiefenanalyse weitere 2–4 Wochen. Verantwortlichkeiten:

  • Deal Lead (Steuerung)
  • Research (Sekundärdaten)
  • Field (Primärinterviews)
  • Finance (Kennzahlen-/Bewertungsbrücke).

1. Marktabgrenzung

Der größte Fehler passiert oft ganz am Anfang: Wir sprechen über „den Markt“, meinen aber unterschiedliche Dinge. Bei der Marktabgrenzung ist es wichtig, verschiedene Arten von Produkten, Dienstleistungen und Zielgruppen in unterschiedlichen Märkten zu berücksichtigen, um eine fundierte Analyse und strategische Planung zu ermöglichen. Deshalb starte jedes Projekt mit einer glasklaren Abgrenzung entlang von drei Achsen: Produkt/Leistung, Kundensegmente, Geografie. Geht es um deutsche Medizintechnik im Bereich Dentalimplantate oder um EU-weit minimalinvasive Instrumente? Verkauft die Ziel-Firma an Kliniken, MVZs oder Direkt-zu-Patient? Spielt die Schweiz mit ihren Zulassungsregeln eine eigene Rolle?

Stell Dir die Marktabgrenzung wie den Rahmen eines Gemäldes vor: Zu eng – und Du verpasst Substitutionen. Zu weit – und Du ertränkst Dich in irrelevanten Daten. Die Dokumentation sollte am Ende ein Deckblatt mit Definition, Quellen und Abgrenzungsannahmen umfassen(z. B. „SAM: D-A-CH Krankenhaussegment, OP-Instrumente Klasse IIa, exkl. Einwegprodukte“). Diese eine Seite verhindert wochenlange Missverständnisse.

2. Relevante Wettbewerber identifizieren

Nicht jeder Name auf Google ist ein echter Gegner. Ich unterscheide in drei Gruppen

  • Direkt: gleiche Lösung, gleicher Kunde, gleiche Geografie.
  • Indirekt/Substitute: andere Lösung, aber gleicher Job-to-be-done (z. B. Software ersetzt Service).
  • Potenzielle Neueinsteiger: angrenzende Player, die logischen Grund haben, einzutreten (Technologie, Vertrieb, Kapital).

Die gezielte Analyse von Mitbewerbern ist entscheidend, um die eigene Marktposition realistisch einzuschätzen und gezielt Stärken und Schwächen im Vergleich zu identifizieren.

Methodisch fahre ich zweigleisig

  • Top-down: Branchenreports, Verbände, Datenbanken (Orbis, Statista), Messen.
  • Bottom-up: Kundeninterviews, Lieferanten, ehemalige Mitarbeiter, Mystery Shopping.

Dabei können die Strategien von Unternehmern in der Branche wertvolle Erkenntnisse für die Wettbewerbsanalyse liefern und helfen, bewusste Entscheidungen zur eigenen Positionierung zu treffen.

Ein gutes Raster ist „Top 5 + 5 Nischenspieler + 3 potenzielle Neueinsteiger“. Die Top 5 gehen in die Tiefe, die Nischenplayer zeigen, wo Gefahr oder Opportunität lauert (oft sind sie schneller und digitaler), und die Neueinsteiger liefern Early-Warning für Disruption.

3. Datenbeschaffung — Quellen und Tools

Sekundärquellen sind der Start, nicht das Ziel

  • Deutschland: Bundesanzeiger (Jahresabschlüsse), Unternehmensregister, Presse, Fachmedien.
  • Österreich: Firmenbuch, WKO, Medien.
  • Schweiz: Handelsregister, SHAB, Moneyhouse; oft weniger veröffentlichte Finanzdaten, dafür starke Fachpresse und Patentdatenbanken.
  • Branchenstudien: Statista, Branchenverbände, Beratungsreports (z. B. PwC, Roland Berger), Marktkommentare von M&A-Boutiquen (Saxenhammer, Viaductus).
  • Finanzdatenbanken: Orbis/Bureau van Dijk, S&P Capital IQ (bei größeren Wettbewerbern).

Gerade bei der Wettbewerbsanalyse ist die gezielte Sammlung und Auswertung relevanter Informationen aus diesen Sekundärquellen entscheidend, um Marktpositionen und Trends fundiert zu bewerten.

Primärquellen sind Gold

  • Kunden-/Lieferanteninterviews (5–10 strukturierte Gespräche liefern meist 80% der Wahrheit).
  • Mystery Shopping: Angebotsanfragen, Preissensitivität testen, Reaktionszeiten messen.
  • Experteninterviews: Ex-Manager, Branchenberater, Key-Opinion-Leader.

Die systematische Datenerhebung im Rahmen der Marktforschung spielt hier eine zentrale Rolle, um eigene Erkenntnisse über den Markt und die Wettbewerber zu gewinnen.

Digitale Tools machen es skalierbar

  • Web-Scraping: Produktkataloge, Preislisten, Stellenanzeigen (Hinweis auf gesuchte Skills/Expansion).
  • Social Listening/Review-Analysen: G2, Trustpilot, Kununu (für Kultur/Fluktuation).
  • SEO-/Marktplatz-Analyse: Suchvolumen, Ranking der Wettbewerber, Amazon/B2B-Marktplätze.
  • Patent- und Zertifikatsdatenbanken: DPMA, EPO, Swissmedic, CE-Datenbanken (Regulatorik als Eintrittsbarriere).

Der Einsatz von digitalen Tools als praktische Hilfsmittel ermöglicht eine effiziente und umfassende Analyse großer Datenmengen.

DACH-spezifisch gilt: Deutschland ist dank Bundesanzeiger transparenter, Österreich moderat, die Schweiz in Finanzdaten eher zurückhaltend. Dafür sind in CH Regulierungs- und Zertifikatsinfos oft präziser öffentlich. Starte am besten mit einer Suchmatrix: 15–20 Begriffe (Produkte, Synonyme, Zertifikate, HS-Codes), drei Sprachen (DE/EN ggf. FR/IT für CH), und checke die Quellen von lokal zu international.

Die gewonnenen Daten und Analysen aus diesen Quellen und Tools bilden eine wichtige Grundlage für die Erstellung eines fundierten Businessplans.

4. Analyse und Profilierung der Wettbewerber

Jedes Wettbewerbsprofil hat denselben Kern

Die Konkurrenzanalyse ist ein zentrales Element der Profilierung, um die Marktposition im Vergleich zu den Mitbewerbern zu bewerten und strategische Vorteile zu identifizieren.

  • Firmensteckbrief: Sitz, Eigentümer, Gründung, Geschäftsbereiche. Hierbei ist es wichtig, verschiedene Produkte und deren Art zu bewerten, um Unterschiede und Besonderheiten im Angebot der Mitbewerber herauszuarbeiten.
  • Größenindikatoren: Umsatz, Mitarbeiter (wenn nicht verfügbar: Indikatoren wie Zahl der Vertriebsmitarbeiter, LinkedIn-Headcount, Produktionsfläche). Die Berücksichtigung von Umsätzen und deren Entwicklung ist essenziell, um die Marktposition und das Potenzial eines Unternehmens im Zielmarkt und innerhalb der Branche zu beurteilen.
  • Marktanteils-Schätzung: Triangulation aus Umsatz/Segmentgröße, Kundenverteilung, Interview-Feedback.
  • Preismodelle: Listenpreise, Rabatte, Bundles, Serviceverträge.
  • Vertriebskanäle: Direkt, Händler, E-Commerce, Key Accounts.
  • Technologie/IP: Patente, Produktzyklen, Zertifikate, technologische Differenzierung.
  • Kundenstruktur: Top-Segmente, Konzentration, Churn-Indikatoren. Die Analyse der Kundenwünsche ist dabei ein wichtiger Faktor, um die Ausrichtung auf den Zielmarkt und die Erfüllung von Marktbedürfnissen zu bewerten.
  • Finanzkennzahlen: EBITDA-Margen, Cash Conversion, CAPEX/F&E-Quote (wenn nötig via Benchmarks).
  • SWOT: Stärken/Schwächen/Chancen/Risiken. Die SWOT Analyse ist entscheidend, um die eigenen Stärken und Schwächen sowie die Schwächen der Mitbewerber zu erkennen. Die Analyse von Chancen und Risiken sowie das Potenzial des Marktes und der Unternehmen liefert wertvolle Erkenntnisse für die strategische Ausrichtung. Die SWOT Analyse hilft, die relevanten Faktoren zu identifizieren, die die Marktposition beeinflussen.

Die Erkenntnisse aus der Wettbewerbs- und Konkurrenzanalyse sind essenziell, um effektive und gezielte Marketingstrategien zu entwickeln. Dabei sollten auch die eigene Verhandlungsmacht sowie die Verhandlungsmacht der Kunden im Rahmen der Bewertung der Faktoren berücksichtigt werden, weil sie die Branche und den Zielmarkt beeinflussen.

Ein Vergleich bietet sich über zwei Achsen-Matrizen an (einfach, aber mächtig): z. B. Marktanteil vs. Innovationsgrad oder Preisstellung vs. Servicequalität. So siehst Du sofort, ob Dein Ziel eher Premium/Nische oder Volumen/Preis-Position hat – und gegen wen die Post-Merger-Offensive laufen muss.

Bei dünnen Daten arbeite am besten mit Triangulation und Sensitivitätsbereichen: Lieber eine Bandbreite („Marktanteil 8–12%“) als eine falsche Punktzahl. Drei unabhängige Quellen (z. B. Kundeninterview, Verbandsschätzung, LinkedIn-Trend) reichen oft, um solide Annahmen zu treffen. Kennzeichne immer: Quelle, Datum, Unsicherheitsgrad.

5. Zukunftsperspektiven und Szenarioanalyse

Die Vergangenheit erklärt Dir das Heute – der Preis für den Deal hängt am Morgen. Um realistische Szenarien zu entwickeln, ist fundiertes Wissen über Markttrends und Wettbewerber unerlässlich. Ich skizziere daher drei Szenarien:

  1. Baseline: aktueller Wettbewerb hochgerechnet, moderate Veränderungen (z. B. +2–3% Marktwachstum).
  2. Upside: Konsolidierung gelingt, neue Produkte treffen, Regulatorik spielt in die Karten.
  3. Downside: aggressiver Neueintritt, Preisverfall, Supply-Shock oder regulatorische Hürden.

Kernfragen

  • Wer konsolidiert wen? Gibt es natürliche Käufer (OEMs, Private Equity Buy-and-Build)?
  • Welche Technologien könnten substituieren? Wie schnell wechseln Kunden (Switchkosten, Qualifizierung)?
  • Welche Regulierungen kommen realistisch? In Medtech etwa MDR/IVDR, in Bau/Energie ESG/Taxonomie, in Food neue Kennzeichnungspflichten.

Übersetze Szenarien in Zahlen für Dein Bewertungsmodell: Umsatzwachstum, Bruttomarge, OPEX, CAPEX, erforderliches Working Capital. Ein einfacher Trick: Rechne Deine Scorecard in Annahmen um (z. B. Innovationsgrad hoch = kürzere Sales-Cycles + höhere Preissetzungsmacht). Und dann teste Sensitivitäten: Was passiert bei ±20% Marktwachstum oder -2 Prozentpunkte Bruttomarge?

Wichtige Kennzahlen und Methoden

Diese KPIs schaue ich mir in jeder Wettbewerbsanalyse an

  • Marktvolumen und Wachstum: TAM/SAM/SOM. TAM ist der Gesamtmarkt, SAM Dein adressierbarer Teil, SOM Dein realistischer Anteil. Beispiel Software: TAM weltweite CRM, SAM DACH-Mittelstand, SOM Fokussegmente (z. B. Bauzulieferer).
  • Marktanteile: immer als Bandbreite, belegt durch mindestens zwei Quellen.
  • Umsatzwachstum und Margen: drei Jahre Historie, peer-benchmarked. Wichtig: organisch vs. akquisitionsgetrieben trennen.
  • Kundenkonzentration: Anteil Top-5-Kunden. Alles über 40% verlangt Plan B.
  • ARPU/CLV: in Software/Services zentral; zeigen Preissetzungsmacht und Kundenbindung.
  • CAPEX- und F&E-Intensität: Innovationskraft und Kapitalbedarf. In der Fertigung ist CAPEX oft der Taktgeber, in Tech F&E.
  • Preispolitik/Rabattlevel: Listenpreis ist Folklore – relevant ist die Netto-Realität im Feld.
  • Markteintrittsbarrieren und Switchkosten: Zertifikate, Netzwerkeffekte, Qualifizierungen, Integrationsaufwand.
  • Regulatorische Exposure: Wie stark hängen Umsatz und Kosten an Normen, Zertifikaten, Audits?

Bei der Analyse ist es entscheidend, verschiedene externe und interne Faktoren zu berücksichtigen, um ein umfassendes Bild des Wettbewerbsumfelds zu erhalten.

Methodisch nutze ich

  • SWOT: simpel, aber gut – solange es datenbasiert ist. Die SWOT Analyse ist ein zentrales Tool, um Stärken, Schwächen sowie Chancen und Risiken systematisch zu bewerten.
  • Porter’s Five Forces: im DACH-Mittelstand anpassen – Lieferantenmacht (oft regional), Kundengefälle (OEMs vs. viele kleine Kunden), Ersatzprodukte (digitale Angebote).
  • Scoring-Modelle: Kriterien gewichten, 1–5 Punkte vergeben, Summe normieren.
  • Triangulation: mehrere Quellen kombinieren, Bandbreiten statt Scheinpräzision.

Die gewonnenen Erkenntnissen aus diesen Tools sind entscheidend für die weitere Planung. Sie sollten gezielt in die Erstellung und Anpassung des Businessplans einfließen, um Chancen zu nutzen, Risiken zu minimieren und den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens zu sichern.

Wettbewerbsanalyse und Risikomanagement

Eine fundierte Wettbewerbsanalyse ist auch ein unverzichtbarer Bestandteil des Risikomanagements in jedem Unternehmen. Wer die Stärken und Schwächen der Wettbewerber kennt, kann die eigenen Risiken im Marktumfeld realistisch einschätzen und gezielt Strategien entwickeln, um diesen Risiken zu begegnen. Die Analyse zeigt, wo das eigene Unternehmen im Vergleich zur Konkurrenz steht, welche Schwächen ausgenutzt werden könnten und wo Stärken einen echten Wettbewerbsvorteil bieten.

Durch die regelmäßige Durchführung von Wettbewerbsanalysen lassen sich nicht nur aktuelle Risiken identifizieren, sondern auch Chancen frühzeitig erkennen. Beispielsweise kann ein Unternehmen durch die Analyse von Marktveränderungen und neuen Wettbewerbern rechtzeitig auf Bedrohungen reagieren – etwa durch Anpassung der Preisstrategie, Entwicklung neuer Produkte oder gezielte Investitionen in Vertrieb und Marketing. So wird die Wettbewerbsanalyse zum zentralen Instrument, um die eigene Marktposition zu sichern und Risiken proaktiv zu managen.

Unternehmen, die Wettbewerbsanalysen als festen Bestandteil ihres Risikomanagements etablieren, sind besser vorbereitet auf unerwartete Entwicklungen und können ihre Chancen im Markt gezielt maximieren.

Wettbewerbsanalyse und Nachhaltigkeit

Auch im Bereich Nachhaltigkeit gewinnt die Wettbewerbsanalyse zunehmend an Bedeutung. Unternehmen, die ihre Wettbewerber hinsichtlich Nachhaltigkeitsstrategien und -leistungen analysieren, erhalten wertvolle Einblicke in aktuelle Marktstandards und Kundenanforderungen. Die Analyse der Stärken und Schwächen der Wettbewerber in Bezug auf Nachhaltigkeit hilft, die eigene Positionierung zu schärfen und gezielte Strategien zu entwickeln.

Wer weiß, wie Wettbewerber nachhaltige Produkte, Prozesse oder Lieferketten umsetzen, kann eigene Nachhaltigkeitsziele realistisch setzen und Maßnahmen ableiten, um sich im Markt positiv abzuheben. Gleichzeitig ermöglicht die Wettbewerbsanalyse, die eigenen Nachhaltigkeitsleistungen transparenter zu machen und gezielt an Kunden und Stakeholder zu kommunizieren – ein wichtiger Faktor für Glaubwürdigkeit und Vertrauen.

Unternehmen, die Nachhaltigkeit als festen Bestandteil ihrer Wettbewerbsanalysen betrachten, können nicht nur regulatorische Anforderungen besser erfüllen, sondern auch neue Marktchancen erschließen und ihre Wettbewerbsfähigkeit langfristig sichern.

Wettbewerbsanalyse und Stakeholder-Management

Im modernen Unternehmensumfeld ist das Stakeholder-Management ein entscheidender Erfolgsfaktor – und die Wettbewerbsanalyse liefert hierfür wertvolle Impulse. Durch die gezielte Analyse, wie Wettbewerber mit ihren Stakeholdern kommunizieren und Beziehungen pflegen, können Unternehmen ihre eigene Strategie im Stakeholder-Management optimieren.

Die Untersuchung der Stärken und Schwächen der Wettbewerber im Umgang mit Kunden, Lieferanten, Investoren oder gesellschaftlichen Gruppen zeigt, wo Verbesserungsbedarf besteht und welche Ansätze besonders erfolgreich sind. So lassen sich eigene Stärken gezielt ausbauen und Schwächen minimieren. Die Wettbewerbsanalyse hilft dabei, die Erwartungen und Bedürfnisse der wichtigsten Stakeholder besser zu verstehen und die eigene Kommunikation sowie die Beziehungspflege darauf abzustimmen.

Unternehmen, die ihre Stakeholder-Strategie auf Basis fundierter Analysen ausrichten, stärken ihre Reputation, erhöhen ihre Glaubwürdigkeit und schaffen nachhaltige Wettbewerbsvorteile.

Wettbewerbsanalyse und Innovationsmanagement

Innovationskraft ist einer der wichtigsten Treiber für nachhaltigen Unternehmenserfolg – und die Wettbewerbsanalyse spielt dabei eine zentrale Rolle. Wer die Innovationsstrategien und -leistungen der Wettbewerber systematisch analysiert, erkennt frühzeitig Trends, neue Technologien und Marktpotenziale.

Die Analyse der Stärken und Schwächen der Wettbewerber im Bereich Innovation ermöglicht es, eigene Innovationsziele und -strategien gezielt zu entwickeln und umzusetzen. Unternehmen können so ihre Innovationsleistungen kontinuierlich verbessern, Lücken im Markt identifizieren und ihre Marktposition stärken. Die regelmäßige Durchführung von Wettbewerbsanalysen sorgt dafür, dass das Unternehmen nicht nur auf aktuelle Entwicklungen reagiert, sondern auch proaktiv neue Chancen nutzt.

Durch die Transparenz über die Innovationsaktivitäten im Marktumfeld können Unternehmen ihre eigenen Leistungen besser kommunizieren und sich als Innovationsführer positionieren – ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb um Kunden, Talente und Investoren.

Praxis-Tipps, Fallstricke und DACH-Spezialitäten

Vier Praxis-Tipps aus Mandaten der letzten Jahre

  • Bleib neutral: Möglichkeitssinn ist super, Possibility Bias killt Deals. Trenne klar „Wunsch“ von „Beleg“.
  • Date the data: Jede Zahl braucht ein Datum. DACH-Märkte ändern sich langsam – bis sie es nicht tun.
  • Breite Sicht: Neben den üblichen Verdächtigen immer Nischen- und Start-up-Player scannen. Viele „Hidden Champions“ sind unscheinbar - bis sie Dir die Preise kaputt machen.
  • Branchen-KPIs anpassen: In Medtech zählen Zertifikate und Klinikeinführungszeiten; in Maschinenbau Taktzeiten, OEE, Service-Umsatzquote; in Software NRR, Churn, CAC/Payback.

Häufige Fehler

  • Blindflug mit Ziel-Firmen-Statements: „Wir sind Marktführer“ ohne Quelle ist Folklore.
  • Veraltete Informationen: Ein zwei Jahre alter Marktbericht kann nach einer Regulierung wertlos sein.
  • Zu viel Excel, zu wenig Telefon: Quant ohne Qual führt schnell zu Papierwahrheiten.
  • Zukunft ignorieren: Eintrittswahrscheinlichkeiten, Konsolidierung und Technologiewechsel gehören in jedes Modell.
  • Fehlende Überprüfung des aktuellen Status: Die regelmäßige Bewertung des Status des Unternehmens und des Marktes ist essenziell, um Fehleinschätzungen zu vermeiden.

DACH-Spezialitäten

  • Mittelstand & Inhaber: Kultur, regionale Bindungen, Nachfolgepläne – alles Wettbewerbsvorteile oder -risiken.
  • Datenverfügbarkeit: Deutschland (Bundesanzeiger) ist oft dankbar transparent, Österreich mittel, Schweiz selektiv - dafür liefern Zertifikate/Patente starke Hinweise.
  • Regulatorik & Nachhaltigkeit: Wer ESG, MDR/IVDR, ISO, Cybersecurity-by-Design früh meistert, gewinnt Ausschreibungen – das ist echter Wettbewerbsvorteil.

Praktische Checklisten

Diese Checklisten bieten einen schnellen Überblick über die wichtigsten Aspekte der Wettbewerbsanalyse.

Schnell-Scan vor Erstkontakt (10 Punkte)

  • Ist die Marktdefinition dokumentiert (Produkt, Kunde, Geografie)?
  • Sind die Top-5-Wettbewerber identifiziert und grob profiliert?
  • Liegt mindestens ein aktueller Marktbericht oder Verbandsbericht vor?
  • Ist die Kundenstruktur der Ziel-Firma skizziert (Top-Kunden, Segmente)?
  • Sind Lieferantenabhängigkeiten und Single-Source-Risiken notiert?
  • Gibt es eine Einschätzung zur Preisspanne und typischen Rabatten?
  • Sind relevante regulatorische Anforderungen und Risiken identifiziert?
  • Ist die Innovations-/Patentlage im Segment geprüft?
  • Sind sichtbare Strategien der Wettbewerber dokumentiert (Expansion, M&A, Preispolitik)?
  • Gibt es eine Red-Flag-Map mit drei potenziellen Deal-Killern (z. B. >50% Umsatz mit einem Kunden, absehbare Regulierung, laufender Patentstreit)?

Tiefenanalyse für Top-Konkurrenten

  • Finanzkennzahlen: Umsatz, EBIT, EBITDA, Margen – Quelle, Jahr, Bandbreite.
  • Kundenstruktur und Vertriebsnetz: Key Accounts, Kanäle, Internationalität.
  • Produkt-/Service-Matching: Overlap-Matrix zu Deinem Ziel – wo ist Kopf-an-Kopf?
  • F&E und IP: Pipeline, Patente, Zertifikate, Produktzyklen.
  • Führung und Ownership: Managementqualität, Fluktuation, Investorenagenda.
  • Lieferkettenrisiken: Schlüsselkomponenten, Abhängigkeiten, Dual Sourcing.
  • Öffentliches Sentiment und Kundenfeedback: Reviews, Referenzkunden, Reklamationsmuster.
  • CAPEX-Projekte/Nachhaltigkeit: laufende Investitionen, ESG-Score, Energiemanagement.

Entscheidungs-Scorecard — Muster und Anwendung

Scorecards helfen Diskussionen zu strukturieren und Bias zu reduzieren. Ziel: eine quantifizierte, reproduzierbare Basis für Preisrahmen und Walk-away-Punkt.

Vorschlag für Aufbau und Gewichtung

  • Marktstellung (20%): Marktanteil, Markenstärke, Vertriebsreichweite.
  • Wachstumsaussichten (15%): Markttrend, Pipeline, geografische Optionen.
  • Margen/Profitabilität (15%): Brutto-/EBITDA-Marge, Cash Conversion.
  • Kundenkonzentration (10%): Stabilität, Abhängigkeit.
  • Innovationsgrad/IP (15%): Differenzierung, Eintrittsbarrieren.
  • Regulatorisches Risiko (10%): Zertifikate, anstehende Änderungen.
  • Synergiepotenzial (10%): Cross-Selling, Einkauf, Produktion, F&E.
  • Kultur/Integrationsrisiko (5%): Führungsstil, Prozesse, Fluktuation.

Scoring: 1–5 Punkte je Kriterium (1 = sehr schwach, 5 = sehr stark). Gewichtete Punktsumme auf 100 normieren.

Beispielrechnung

  • Marktstellung: 3 Punkte x 20% = 0,6
  • Wachstumsaussichten: 4 x 15% = 0,6
  • Margen: 3 x 15% = 0,45
  • Kundenkonzentration: 2 x 10% = 0,2
  • Innovationsgrad: 4 x 15% = 0,6
  • Regulatorik: 3 x 10% = 0,3
  • Synergien: 4 x 10% = 0,4
  • Kultur/Integration: 3 x 5% = 0,15

Gesamtscore: 3,3 von 5 bzw. 66 von 100.

Interpretation und Schwellen

  • Über 3,8: strategischer Kauf, Premium begründbar (aber mit earn-outs/Clawbacks absichern).
  • 3,0–3,8: selektiver Kauf; Preisdisziplin, Vertragsschutz (MAC, Garantien).
  • Unter 3,0: kein strategischer Fit – nur erwägen, wenn Turnaround-Case explizit und belegt.

Anwendungshinweise

  • Sensitivität: Teste ±20% beim Marktwachstum oder ±2 Prozentpunkte bei Bruttomargen und schau, wie sich Dein Score und der Wert verändern.
  • Dokumentation: Jede Punktzahl braucht zwei Sätze Begründung und eine Quelle.
  • Update: Aktualisiere die Scorecard zu drei Zeitpunkten – Initial (Vor-LOI), Post-Management-Meeting, Pre-Closing.
  • Planung: Die Scorecard dient als zentrale Grundlage für die weitere Planung und Strategieentwicklung, um die Analyseergebnisse in konkrete Maßnahmen umzusetzen.

Beispiel aus der Praxis

Ein kurzer Blick in einen Deal: Ziel war ein Nischenplayer in der Medizintechnik, Deutschland, 25 Mio. Umsatz, hübsche Margen. Die Story: „Wir sind klinisch gesetzt, starke Kundenbindung, kaum Wettbewerb.“ Auf dem Papier sah das gut aus. In der Wettbewerbsanalyse wurden dann drei Dinge entdeckt:

  1. Ein Schweizer Wettbewerber hatte ein CE-Upgrade in der Pipeline, das die Produktwechselzeiten halbierte.
  2. Zwei Top-Kunden planten ein zentrales Beschaffungsprogramm mit stärkerem Preisdruck.
  3. Eine US-Firma testete mit einem lokalen Distributor einen Markteintritt.

Die Scorecard rutschte von 3,9 auf 3,2. Der Preisrahmen fiel um gut 1x EBITDA. Der Verkäufer war nicht begeistert. Drei Monate später kam das CE-Upgrade – und die Listenpreise im Markt sanken um 8–10%. Der Deal kam trotzdem zustande, aber mit Earn-out und Lieferantenklauseln. Ohne die Wettbewerbsanalyse hätte der Käufer den Aufpreis bezahlt und das Echo später kassiert. Mit Analyse gab es einen Plan: Portfolio-Upgrade, Key-Account-Programm, und ein dediziertes Team für Preismodell-Umstellung. Das Ergebnis: Zielmargen gehalten, Marktanteile leicht gewonnen. Kurz: Analyse rettet nicht nur den Preis – sie liefert die Roadmap.

FAQs

Wie detailliert muss die Wettbewerbsanalyse vor einem Kauf sein?

Kommt auf die Dealgröße und Marktkomplexität an. Für KMU reicht oft eine tiefe Analyse der Top 5 Wettbewerber plus Markt- und Kundencheck. Bei größeren Deals geh breiter (bis 15–20 Wettbewerber im Screening) und tiefer in Segmenten. Minimum ist Commercial Due Diligence-Niveau: Marktgröße, Wachstum, Wettbewerb, Kundenverhalten, Preisdynamik.

Was, wenn öffentliche Daten fehlen?

Dann gewinnst Du mit Primärrecherche: Kunden und Lieferanten anrufen, ehemalige Mitarbeiter sprechen, Branchenexperten einbinden. Ergänze mit Benchmarks (Margins, CAPEX-Quoten) und mach Annahmen transparent, inklusive Bandbreiten. Lieber solide Schätzungen mit Quellen als scheinexakte Zahlen.

Wie berücksichtige ich internationale Wettbewerber in einer DACH-Analyse?

Doppelt schauen: lokal (Wer verkauft hier? Welches Vertriebsnetz? Zertifikate?) und global (Skalenvorteile, Preisdruck durch Importe, Währungs-/Zollthemen). Nutze EU-Datenbanken, Zolldaten, und prüfe, ob ein schneller Go-to-Market über Distributoren läuft.

Wann ist die Wettbewerbsanalyse ein Deal-Breaker?

Wenn belegbare Risiken das Geschäftsmodell zentral treffen: z. B. ein dominanter Wettbewerber mit Preissetzungsmacht plus langlaufenden Rahmenverträgen, absehbare regulatorische Hürden, die Produktlinien „non-compliant“ machen, oder eine Kundenkonzentration, die unter Integration realistisch >50% Verlust riskieren lässt.

Wie fließt die Analyse in die Preisfindung?

Direkt über Annahmen in Umsatz, Margen, Capex und Working Capital. Außerdem über Risikoabschläge, Earn-out-Strukturen und Vertragsklauseln (z. B. Wettbewerbsverbote, Key-Person-Bindungen). Wenn der Wettbewerb härter ist, sinken Multiples – das zeigt Dir jede Dealsuite- oder PwC-Analyse über Zyklen hinweg.

Wie oft sollte ich die Analyse aktualisieren?

Mindestens dreimal: Initial (für den LOI), nach Management-Meetings (validierte Annahmen), und pre-Closing (Events, neue Wettbewerbszüge, Preise). Bei längeren Prozessen monatlich oder bei Ereignissen (Produktlaunch, Regulierungsnews) ad hoc.

Kann eine Wettbewerbsanalyse Synergien aufdecken?

Absolut. Du siehst schnell Cross-Selling-Potenziale (Wer hat welche Kunden? Welche Lücken kannst Du füllen?), Einkaufssynergien (gleiche Lieferanten?), F&E-Bündelung und Produktionsauslastung. Synergiepotenzial sollte deshalb explizit in die Scorecard aufgenommen werden.

Konkrete Quellen und Nachweise

Wenn Du Claims absichern willst, hier ein schneller Wegweiser zu Quellen, die zur Gewinnung von Erkenntnissen für die Wettbewerbsanalyse genutzt werden können:

  • KfW Research: regelmäßige Mittelstandsberichte und Nachfolgestudien – hilfreich für DACH-Struktur und Finanzierungstrends.
  • PwC Deals Studies und Branchen-Insights: Multiples, Deal-Treiber, Commercial-DD-Schwerpunkte.
  • Dealsuite DACH-Reports: Buy- und Sell-Side-Trends im Midmarket, Multiples nach Sektor.
  • Viaductus bzw. Boutique-Überblicke zur Commercial Due Diligence: Vorgehensmodelle und Fallbeispiele.
  • Saxenhammer Sektor-Updates: gute Kurzanalysen zu Nischenbranchen im DACH-Mittelstand.
  • Öffentliche Register: Bundesanzeiger (DE), Firmenbuch (AT), Handelsregister/SHAB (CH), sowie DPMA/EPO/Swissmedic für IP/Zertifikate.

Diese Quellen liefern keine absolute Wahrheit, aber sie geben Dir belastbare Eckpfeiler. Kombiniert mit Primärinterviews bekommst Du ein rundes Bild.

Mini-Storyboard zum Merken

Stell Dir die Wettbewerbsanalyse wie eine Bergtour vor: Jeder Schritt im Analyseprozess ist entscheidend, um das Ziel sicher und effizient zu erreichen:

  • Karte zeichnen (Marktabgrenzung),
  • die anderen Seilschaften identifizieren (Wettbewerber),
  • das Wetter checken (Daten, Regulatorik, Trends),
  • die Route planen (Profile, Matrix, Scorecard),
  • und dann den Gipfel anpeilen (Preis, Deal-Struktur, Integrationsplan).

Wer ohne Wettercheck losläuft, hat vielleicht Glück. Alle anderen kommen sicherer an.